SAN FRANCISCO - Moderne Goldgräber auf den Spuren der Hippies
San Francisco/USA: Der Flieger bricht durch die graue Wolkendecke und gibt die Sicht auf die Oakland Bay mit ihren bebauten Landzungen frei. Langsam wiegt sich der Airbus nach links. Der Pilot wünscht uns im Landeanflug “Happy Holidays” und lässt uns wissen, dass der anhaltende Nieselregen für Ende Dezember vollkommen normal sei.
Nun bin ich endlich dort, wohin Hipster und Unternehmensgründer aus der ganzen Welt strömen - San Francisco. Die Stadt, die als Mekka der Vordenker und als Ausgangspunkt morderner gesellschaftskritischer Bewegungen gilt. Eine Stadt, die Menschen zu Zeiten des Goldgräberrausches reich gemacht hat, Steve Jobs inspirierte und der amerikanischen Poesie neue Töne verlieh -aber auch eine Stadt, die Menschen an ihrer Selbstverwirklichung scheitern ließ.

Der Pilot wird wohl Recht behalten: Es sieht nach Dauerregen aus, als ich nach der strengen Einreisekontrolle aus dem Flughafengebäude trete. Die Fragen des Beamten der Border Control empfand ich strenger und prüfender als an den Flughäfen der Ostküste der USA: “Wie lange bleiben Sie und sind Ihre Freunde nun Girlfriends oder ist es Ihr Boyfriend …und es ist tatsächlich nicht Ihr Boyfriend?” Der erste Widerspruch gegen die erwartete und prophezeite Lässigkeit der Westküste. Später erfahre ich von einem “country-hoppenden” Holländer, dass er nicht der einzige ist, der regelmäßig das Land verlässt, um nach kurzer Zeit wiederum das dreimonatige Touristenvisum in Anspruch zu nehmen, um wiederum nach einer Arbeitsstelle zu suchen.
Die allgemeine Lässigkeit

Allerdings fällt mir schon bald auf, was wohl unter der allgemeinen Lässigkeit verstanden wird bzw. wie man dieser Ausdruck verleiht. Ich begegne in der U-Bahn, auf dem Weg in die Stadt, nur wenigen, sehr wenigen Menschen in zweireihigen Sakkos oder gar in Hemden mit schweren Manschettenknöpfen. Leichtigkeit und Individualität bestimmen den Kleidungsstil, passend zum Image der Stadt. Strickmützen schmücken fast jeden dritten Kopf. Espandrillos der Firma Toms, welche hilfebedürftigen Kindern der dritten Welt ein Paar Schuhe pro gekauften Paar Schuhe spendet, werden mit ausgewaschenen Jeans und Leggins kombiniert. Für wen das zu leichte Kleidung für dieses feuchte Wetter ist, der bewaffnet sich mit Gummistiefeln und buntem Trenchcoat. Anscheinend hat Vordenken, Revolution und Kreativität seinen eigenen Dresscode.
Vielseitigkeit zwischen China und Europa

Nach einer abenteuerlichen und heißen Fahrt in einem überfüllten Bus durch Chinatown und einem anstregenden Fußmarsch über drei, der insgesamt 42 steilen Hügel innerhalb des Stadtgebiets, gelange ich endlich an mein Ziel. Herzlich werde ich von meinen Freunden in ihrem Appartment im achten Stock empfangen. Von hier haben wir eine wunderbare Aussicht, über die Skyline und die kleinen viktorianischen Häuser, die SF einen europäischen Charakter verleihen.
Metropole der Start-ups
Erst vor kurzem sind sie aus Washington D.C. hier her gekommen, um ihr neu gegründetes Technologieunternehmen (Start-up) in der Stadt, welche nur einen Steinwurf von Silicon Valley entfernt ist, in neue Sphären zu heben. Apps programmieren, dort wo das Herz des Internets schlägt -ein Traum, den sich die Jungs in ihren Mittzwanzigern versuchen zu erfüllen. Bestimmt nicht weniger inspiriert von Steve Jobs, als die große Vielzahl, der anderen Gründer aus der ganzen Welt, die in die Stadt strömen. Nicht umsonst wird San Francisco als Start-up Metropole der Welt bezeichnet. Das Büro des Start-ups ist nur wenige Geh-Minuten von der Wohnung entfernt und bietet einen Blick auf die Bay, welche bereits seit 1776 als Tor zur Welt gilt. Das Gefühl von Freiheit und das Träumen von Größerem keimt bei diesem Anblick in mir auf. Vielleicht ist es genau das, was die Menschen schon immer fasziniert hat. Was die Goldgräber damals waren, sind die vielen Gründer heute und was damals Lederstiefel und Goldsiebe waren, sind heute Toms Espandrillos und Apple MacBooks.
Ein Hauch von Hippie-Spirit
Ich treffe Alex und Dani. Er arbeitet als Designer in einem Start-up, sie träumt von einer Yogalehrer-Ausbildung. Beide wollten einen Unterschied machen. Haben darum ihr Leben an der Ostküste aufgegeben. Sie streifen glücklich und stolz mit mir durch das touristische Fisherman’s Wharf. Für sie ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Die horrenden Mieten nehmen sie in Kauf, um ihren “California Dream” zu leben. Zwar wissen sie heute noch nicht, ob es sinnvoll war hier her zu kommen, aber was ist heute schon noch sicher. Vielleicht sind genau sie die Hippies der 2000er und genau deswegen fühlen sie sich so wohl in der Stadt, in der die Hippie-Bewegung begann. Damit meine ich nicht, die so genannten Hipster, die ein unpolitisches und oberflächliches soziales Milieu darstellen und sich wiederum durch Extravaganz versuchen vom Mainstream abzuheben. Ich meine Menschen wie Dani und Alex, die alle Möbel verkaufen, ihren Familien “Bye-Bye” sagen und mit dem Auto quer durch Amerika fahren, um sich dann in ein Abenteuer zu stürzen, in dem sie sich neu ausprobieren. Sie betreiben stille Revolution, indem sie sich gegen eine sichere Arbeitsstelle entscheiden und gegen den Leistungsdruck der Gesellschaft stellen. Zwar ist das auch gegen den Mainstream leben, aber dieses Abenteuer erfordert mehr Mut und Willensstärke als lediglich “used-jeans” mit verstecktem Markenlabel zu tragen, denn hier geht es um die eigene Existenz. Der amerikanische Traum von Freiheit ist bestimmt damals, wie heute der Motor, jedoch scheint es, als würde der Wagen nun mit einem Handschaltgetriebe gefahren und der Fahrer entscheidet, in welchen Drehzahlbereich er den Motor treibt anstatt sich auf die Automatik zu verlassen.

Scheitern im Traum
Feingefühl ist alle Mal gefragt, da ein zu hoher oder zu niedriger Drehzahlbereich schnell zum Getriebeschaden führen kann. Traurigerweise bietet San Francisco genügend Beispiele, wie Selbstverwirklichung und der Traum von Reichtum zum persönlichem Scheitern geführt haben. Die Verlierer des modernen Goldgrabens sind 7.000-10.000 Obdachlose. Damit hält San Francisco den Rekord in den USA. Dies hat dazu geführt, dass eine Stadtverordnung das Liegen auf Bürgersteigen von 7.00 bis 23.00 Uhr untersagt.

Muscheln in Slim Shady-Sauce, garniert mit Respekt
Die kalifornische Sonne suche ich dieser Tage leider vergeblich und der Nebel gibt die Golden Gate Bridge nicht frei, dafür genieße ich herrliche Pancakes in Little Italy, welches mit seinen individuellen Kaffeebars zu gemütlichen Stunden einlädt. In der ganzen Stadt ist die Dominanz gewisser Fastfood- und Fast-Coffee-Ketten sehr gering. Individualität, Kreativität und Neugierde wird geschätzt. Gegenseitiger Respekt findet Ausdruck, indem man sich den Tisch im Restaurant mit Fremden jeden Alters, jeder Hautfarbe und jedes Kleidungsstils teilt und Miesmuscheln in Tomaten-Weißwein-Sauce in Kombination mit frischen Burgern verspeist. Dazu läuft im Hintergrund das Slim Shady Album von Eminem und nicht ein einziger stört sich an dem “Parental Advisory Label” auf der Scheibe.

San Francisco - makes the difference!
Was macht San Francisco nun so besonders? Was gibt der 800.000-Seelen-Stadt ihren Charakter? Vergleicht man sie mit anderen Städten in den USA wirkt sie klein, individuell und vielseitig. Man trinkt seinen Mokka nicht bei Starbucks, sondern beim Italiener um die Ecke. Frau kauft nicht bei Macy’s, sondern in einer kleinen Boutique eines Jungdesigners. Selbst an Weihnachten wird man nicht mit blinkender Werbung und X-mas decoration überflutet. Selbstverwirklichung und die Chance ein gesundes Leben zu führen ist durch die liberale Einstellung der Friscaner, der Sportbegeisterung und das milde Wetter möglich. Yoga-Studios findet man an jeder Ecke. Selbst die Kleinsten tragen schon ihre Yoga-Matte durch die Straßen. Das Miteinander steht im Mittelpunkt, welches sich auch in der gesetzlichen Krankenversicherungspflicht für Kellner widerspiegelt. Die Stadt zwingt die Bewohner mit immens hohen Parkgebühren autolos zu leben und auf das Rad umzusteigen. Das macht die Menschen im zweitdichtest besiedelten Raum der USA erfinderisch, nimmt der Großstadt das Tempo. Durch die amerikanische Leichtigkeit unter dem internationalen Einfluss entsteht Aufbruchsstimmung und Enthusiasmus für Veränderung. Die Verwirklichung und Umsetzung von Ideen bekommt dadurch eine realistische Chance. Ob diese Ideen wirklich immer neu sind bezweifle ich. Hier unterscheidet sich San Francisco nicht von den europäischen Städten, in denen die Menschen nach der Finanzkrise umdenken, sich auf alte Werte rückbesinnen, das Einfache wieder schätzen und das Leistungsdenken des Kapitalismus hinterfragen. Ferner schafft es San Francisco diese Rückbesinnung der Zeit anzupassen. Sie in Einklang zu bringen mit Fortschritt und Technologie.

Auch Flower-Power hat die Nackheit nicht neu erfunden, wenn man bedenkt, dass die deutsche Freikörperkultur (FKK) eine Lebenseinstellung ohne Schamgefühle schon seit dem 19.Jhdt. “verkörpert” und die Ideale der Oberschicht in Frage stellt. Jedoch haben es die Hippies in San Francisco geschafft, ihre Bewegung mit intellektuellem Geist zu füllen, politisch zu untermauern, zu kollektivieren und dies in die Welt hinaus zu singen. Die dazu nötige Liberalität, Offenheit, Spiritualität und den Willen zur Veränderung besitzt San Francisco noch immer und trägt es noch immer hinaus in die Welt!!
Bei meiner Abreise hoffe ich für San Francisco, für all seine Bewohnern, aber vor allem für die hartarbeitenden modernen Goldgräber, dass die Stadt, trotz des großen Zuzugs und der explodierenden Lebenshaltungskosten, ihren Charme und ihre liberale Einstellung behält.
Danke an: DarwinApps

